Regiebuch - Bericht und Umsetzungsfahrplan - für die Innenstadt von morgen

Die Innenstadt von morgen entsteht im Spannungsfeld von Klimaanpassung, gesellschaftlichem Wandel und digitaler Transformation. Das Regiebuch zeigt, wie Konstanz mit dem Projekt Innenstadt von morgen im Rahmen der Smart-Green-City-Strategie neue Wege einer menschenzentrierten, dateninformierten Stadtentwicklung geht. Es verdeutlicht, wie räumliche Qualität, Beteiligung und Digitalisierung zusammenwirken, um die Konstanzer Innenstadt zukunftsfähig und lebenswert zu gestalten.

Mit dem Regiebuch „Innenstadt von morgen“ liegt nun das Ergebnis von rund 22 Monaten Analyse, Beteiligung und praktischer Erprobung im Rahmen von Smart Green City vor. Aufbauend auf datenbasierten Untersuchungen, temporären Interventionen im Stadtraum sowie vielfältigen Rückmeldungen aus der Stadtgesellschaft beschreibt das Regiebuch konkrete Perspektiven für eine menschenzentrierte, klimaresiliente und zukunftsfähige Entwicklung der Konstanzer Innenstadt. Es bildet damit eine wichtige Grundlage, um die Transformation der Innenstadt strategisch zu steuern und schrittweise in die Umsetzung zu bringen.

 

Mensch und Raum im Mittelpunkt – Digitalisierung als Verstärker

Städte stehen heute vor der Aufgabe, sich unter zunehmend komplexen Rahmenbedingungen weiterzuentwickeln. Klimawandel, gesellschaftlicher Wandel, veränderte Mobilitäts- und Nutzungs­ansprüche, die Transformation ins digitale Zeitalter sowie neue Anforderungen an Teilhabe und Lebensqualität treffen in den Innenstädten besonders deutlich aufein­ander. Die Konstanzer Innenstadt ist nicht nur das Herz der Stadt, sondern auch ein Brennglas, in dem diese Entwicklungen sichtbar werden.Gleichzeitig eröffnen digitale Techno­logien und die zielgerichtete Nutzung von Daten neue Möglichkeiten, diese Herausforderungen genauer und voraus­schauender zu bearbeiten. Vor diesem Hintergrund ist das Projekt Innenstadt von morgen Teil des Programms „Smart Green City – Konstanz vernetzt gestalten“ im Bundesförderprogramm Modellpro­jekte Smart Cities. Das Regiebuch für die Innenstadt von morgen übersetzt diesen Förderansatz in die Praxis des Stadtraums der Konstanzer Innenstadt. Es beschreibt, wie räumliche Stadtent­wicklung, Digitalisierung und Beteiligung zusammenwirken, um eine lebenswerte, klimaangepasste, zukunftsfähige und wirtschaftsstarke Innenstadt zu gestalten, und zeigt den Weg in die konkrete Umsetzung auf.

 

Woher kommt die Idee der Smart City?

Während der Begriff Smart City lange Zeit vor allem mit Sensorik, Apps und daten­basierter Steuerung verbunden wurde, hat sich das Verständnis erweitert. Smart City kann mehr. Maßgeblich geprägt wurde dieser Perspektivwechsel durch Leitbilder der Stadtentwicklung, die in der Neue Leipzig-Charta, die Smart City Charta der Bundesregierung sowie durch die Nationale Stadtentwicklungspolitik definiert wurden.

Sie eint ein gemeinsamer Kern: Städte sollen integriert, gemeinwohlorientiert, nachhaltig und menschenzentriert entwickelt werden. Digitalisierung wird dabei nicht als Selbstzweck verstanden, sondern als Werkzeug, um kommunale Aufgaben besser zu erfüllen, Transparenz zu schaffen und Entscheidungen fun­dierter zu treffen. Das Förderprogramm Modellprojekte Smart Cities (MPSC) greift diesen Ansatz auf und unterstützt Kommunen dabei, smart und digitalisie­rungsgestützt neue Wege der integrierten Stadtentwicklung zu erproben.

 

Digitalisierung als Voraussetzung zukunftsfähiger Städte

Die smarte Entwicklung von Städten ist eng mit Digitalisierung verbunden. Sie bedeutet nicht, Städte „technischer“ zu machen, sondern komplexe Zusam­menhänge besser zu erkennen und handlungsfähig zu bleiben. Städte stehen vor der Aufgabe, mit begrenzten Flächen, knappen Ressourcen und zunehmenden Belastungen umzugehen, etwa durch Hitze, Nutzungskonflikte oder steigende Anforderungen an Mobilität und Aufent­haltsqualität. Digitale Werkzeuge helfen, diese Herausforderungen frühzeitig zu erkennen und gezielt zu adressieren. Sie zeigen, wo sich Menschen aufhalten, welche Wege stark frequentiert sind oder welche Orte wenig genutzt werden. Damit wird Stadtentwicklung nachvoll­ziehbarer und vorausschauender. Daten und Dateninfrastruktur sind integraler Bestandteil einer zukunftsfähigen Stadt­entwicklung. 

 

Smart City bedeutet: besser verstehen, gezielter handeln

Im Projekt wird Smart City in diesem Sinne verstanden. Ziel ist es, die Innenstadt und die Bedürfnisse von BesucherInnen und BewohnerInnen besser zu verstehen und gezielter weiter­zuentwickeln. Digitale Technologien helfen, Prozesse sichtbar zu machen, die bislang schwer greifbar waren. Sensoren können etwa aufzeigen, welche Orte zu welchen Zeiten intensiv genutzt werden, und diese Informationen mit Wetterdaten oder Veranstaltungen in Beziehung setzen. Solche Erkenntnisse liefern keine fertigen Lösungen, schaffen jedoch eine belastbare Wissensgrundlage für räumliche Entscheidungen. Gleichzeitig ist klar: Daten allein sagen nicht alles über die Qualität eines Ortes. Ob ein Platz als angenehm empfunden wird oder Menschen sich sicher fühlen, hängt von vielen Faktoren ab. Genau hier setzt der menschenzentrierte Ansatz an. 

 

Der Schulterschluss von Digitalisierung und Stadtentwicklung

Ein zentrales Fundament des Projekts ist der menschenzentrierte Stadtentwick­lungsansatz, wie er durch die Zusam­menarbeit mit dem Büro Gehl geprägt wird. Dieser Ansatz fragt nach dem Alltag der Menschen: Wie bewegen sie sich durch die Stadt? Wo halten sie sich auf? Was lädt zum Verweilen ein? Digitale Werkzeuge werden genutzt, um diese Fragen zu vertiefen, nicht sie zu ersetzen. Qualitative Beobachtungen und Beteili­gungsformate werden durch quantitative Erhebungen ergänzt. So entsteht ein vielschichtiges Bild der Innenstadt, das sowohl messbare als auch wahrnehm­bare Qualitäten berücksichtigt.

 

Lernen im Stadtraum: Reallabore und Beteiligung

Ein Kernelement ist das Lernen im realen Stadtraum. Veränderungen werden nicht nur geplant, sondern vor Ort erprobt. Temporäre Maßnahmen und Reallabore ermöglichen es, neue Nutzungen und Gestaltungen unter realen Bedingungen zu testen. Die Konstanzer Sommerorte sind hierfür ein Beispiel. Sie machen Veränderungen sichtbar und erlebbar und erlauben es, Nutzung, Akzeptanz und Wirkung zu beobachten. Digitale und analoge Rückmeldemöglichkeiten binden die Stadtgesellschaft aktiv ein. Smart City zeigt sich hier als lernendes Vorgehen, das Beobachtung, Daten und Beteiligung miteinander verbindet.

 

Klimaanpassung als kommunale Pflicht­aufgabe

Steigende Temperaturen und veränderte Wetterlagen wirken sich bereits spürbar auf den öffentlichen Raum aus. Die Anpassung an diese Folgen des Klima­wandels ist eine zentrale Aufgabe der Kommunen. Digitale Werkzeuge ermög­lichen es, Hitzehotspots zu identifizieren, die Wirkung von Begrünung und Ver­schattung zu überprüfen und Maßnah­men gezielt weiterzuentwickeln. So wird Klimaanpassung integraler Bestandteil einer dateninformierten Stadtentwicklung.

 

Smart City als Beitrag zu Wirtschaft und Sicherheit 

Der menschenzentrierte Ansatz trägt dazu bei, die Lebensqualität und Attraktivität der Innenstadt zu sichern. Aufenthaltsqualität, Nutzungsvielfalt und soziale Begegnung sind zentrale Faktoren. Digitale Technologien helfen, Entwicklungen nachvollziehbar zu machen und fundierte Entscheidungen zu treffen. Die anonymisierte Auswertung von Bewegungsdaten kann Frequenzen, Aufenthaltsdauern und Wegebezie­hungen sichtbar machen und so die Steuerung von Veranstaltungen oder Maßnahmen unterstützen. Monitoring von Bewegungsströmen ermöglicht zudem eine vorausschauende Steuerung von Nutzungskonflikten und kann zur Sicher­heit im öffentlichen Raum beitragen.

 

Ein integrierter Ansatz für die Zukunft

Das Regiebuch bündelt diese Per­spektiven und zeigt, wie räumliche Maßnahmen, digitale Instrumente und Beteiligungsprozesse ineinandergreifen und eine Grundlage für die zukünftige Entwicklung der Konstanzer Innenstadt bilden. Urbane Daten und digitale Technologien sind dabei kein Selbst­zweck, sondern Teil einer lernenden, integrierenden und menschenorientierten Stadtentwicklung, die die Innenstadt als Lebens- und Wirtschaftsraum zukunfts­fähig macht.

 

© Damian Wagner-Herold und Barbara Schaar, April 2026

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